“Wie geht es Ihnen eigentlich?”

Eigentlich eine simple Frage. Aber ich fand es trotzdem beeindruckend, sie gestellt zu bekommen.

Gestellt hat sie mir Herr Müller, der mit seiner Frau Schöneich-Müller von mir in das Insolvenzverfahren begleitet wurde. Das wäre jetzt ja erstmal nichts besonderes, wenn Herr Müller nicht selbst so viele Probleme und Schwierigkeiten hat, daß ich mich frage, wo er die Kraft hernimmt. Wir sitzen gemeinsam mit dem bestellten Insolvenzverwalter in der Wohnküche und besprechen die beiden “Fälle”.

Frau Schönaich-Müller hat ~ 90.000,00 EUR und Herr Müller hat ca. 120.000,00 EUR Schulden. Für den überwiegenden Teil haften beide gemeinsam als Gesamtschuldner, § 421 BGB. Die Gläubiger sind die Standardbanken, die man so für Umschuldungen von Konsumkrediten herankriegt. Alles zusammengebrochen ist es, als Frau Schönaich-Müller 2008 schwer an Krebs erkrankt ist. Bis dahin hatte sie einen echt guten Job bei einer größeren mittelständischen Firma.

Die Erstberatung habe ich in diesem Ausnahmefall bei den Mandanten zu Hause durchgeführt. Frau Schönaich-Müller stand in der Tür mit so einem Metallständer, an dem ein Infusionsbeutel hing mit einem Schlauch, der irgendwo unter der Kleidung in ihrem Körper endet. Haare hatte sie keine mehr zu diesem Zeitpunkt: “Die Chemo ist grad zu 2/3 rum.”

Herr Müller war ein einziges Nervenbündel. Schon zu Beginn der Beratung damals hat er geweint. “Wissen Sie, ich schäme mich so, daß ich Schulden habe. Ich bin doch kein Betrüger oder so ein Lump.” Aber nach Berufsunfähigkeit bei ihm und der schweren Erkrankung seiner Ehefrau bliebe ihm nur die Hoffnung. Er hat mir erzählt, daß er seine Frau seit 2 Jahren pflegt: “Wissen Sie, ich hab halt am Krankenbett aufgepasst und war immer da und hab halt das alles so weggeputzt, hab die Krankenschwestern auch ein wenig entlastet. Mit dem künstlichen Ausgang ist das halt ned oifach.”

Frau Schönaich-Müller macht heute einen stabilen, gefaßten Eindruck. Die Blutwerte sind wieder ganz schlecht. Vor ein paar Monaten hat sie noch gehofft, daß sie vielleicht irgendwann wieder arbeiten könne. Heute  schüttelt sie den Kopf: “Ich glaub, das wird nix mehr. Wenn ich 2 Stunden am Computer sitze und Papierkram erledige, dann bin ich schon völlig erschöpft. Nächste Woche gehts wieder ins Krankenhaus. Keine Ahnung, wie lang die mich dabehalten.”

Wie es mir geht,  ist doch eigentlich nicht so wichtig. Immerhin bin ich gesund, habe einen Beruf, der mir Spass macht, tolle Mitarbeiter, bin immer noch nicht pleite ;-)

Ich habe geantwortet, daß es mir gut geht. Er hat sich gefreut, das zu hören: “Ich bin so froh, daß es Sie gibt.”

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