Zeit zum Reden
Bestimmt eine besondere Form einer Berufskrankheit beobachte ich grad bei mir selbst. Aber Gefahr erkannt, Gefahr gebannt:
Frau Schirmer und Herr Schirmer kommen zu mir zur Erstberatung. Die Vorab-Informationen aus dem Terminsvereinbarungszettel sind rudimentär. Ich habe auch nur eine Akte angelegt bekommen. Das heißt für mich erstmal, es geht um Frau Schirmer.
Wenn dann beide bei mir sind, weiss ich jedoch schon: Es geht um Frau Schirmer und Herrn Schirmer.
Und was ich nach 1 Stunde auch schon weiss:
Das Haus werden sie verlieren, die Eltern werden ihr Haus auch verlieren - es wurden weitere Sicherheiten im Form von Grundschulden auf dem Haus der Eltern für Nachfinanzierungen eingetragen-, sie werden in ca. 18 Monaten ausziehen müssen, mit viel Glück behalten sie ihre Jobs, eine Trennung und Scheidung halte ich nicht für ausgeschlossen.
Jedoch ist es wichtig, daß auch die Mandanten Zeit bekommen, die Geschichte aus ihrer Sicht zu erzählen. Da nehme ich mich zurück und höre zu. Zeit zum Reden zu geben ist wichtig. Ohne Vorwürfe, lediglich mit dem Stift in der Hand, um weitere Informationen, die en passant mitgeteilt werden, aufzunehmen.
Wenn man das alles schon “weiss”, dann kann man in der Beratung dann nur entscheiden: Volle Breitseite oder homöopathische Dosen. So jung und gleichermaßen unerfahren und blauäugig wie die beiden sind, habe ich mich für volle Breitseite entschieden.
Mal sehen, ob Sie mich beauftragen. Die Vollmacht habe ich beiden in die Hand gegeben. Sie sollen am Küchentisch in Ruhe nochmal sprechen und mir dann ihre Entscheidung mitteilen. Viel retten kann ich hier nicht mehr; nur die Kollateralschäden versuchen, zu minimieren.
Am 15. Dezember 2009 um 23:05 Uhr
Jaja, die “Schuldnerberater”, die armen Schuldnern das Geld mit der “Beratung” auch noch aus der Tasche ziehen und dann auch noch schlau daherreden, was ihre “Mandanten” alles verlieren werden und was da noch alles kommen wird. Und das man selber ja alles besser weiß. Schönes Völkchen seid ihr.