Gut gerüstet

Die Mandantin kam von weiter weg. 2 Stunden mit dem Zug ist sie bis zu uns ins Stuttgarter Büro angereist. Der Termin war auf 10 uhr eigentlich bei meinem Kollegen Ulrich Stockburger terminiert. Sie war viel zu spät. Da der aber auf 11 Uhr bereits den nächsten Termin vereinbart hatte, übernahm ich die Angelegenheit kurzerhand.

Im künstlerischen Bereich ist sie tätig. Eigentlich sei sie überall sonst ein ganz aufgeräumter Mensch. Nur diese ganzen Briefe, insbesondere die gelben, die könne sie nicht öffnen. Ihre ganze Tasche war voll damit. Ungeöffnet. Sämtliche Post. Seit ca. 6 Monaten gesammelt. Sie sei auch schon in psychotherapeutischer Behandlung. Schlaf? Schon lange nicht mehr. “Eigentlich wollte ich doch gar nicht herkommen heut früh.”

Ich versuchte ihr, zu erklären, warum sie diese Sachen nach meiner Auffassung nicht selbst in den Griff bekommen wird. Mit jedem Brief verbindet sie eine Geschichte - wie es dazu gekommen ist und wie man es vielleicht erklären könnte, aber nicht lösen.

Ich selbst sehe die Unterlagen der Mandanten als reine Fakten: Name des Gläubigers und Betrag. Ich bin nicht belastet mit Geschichten, Zweifeln, Wut, Ärger, Mißtrauen, Versagens- und Existenzängsten. Deswegen kann ich diese Briefe öffnen, lesen, strukturieren, erfassen, damit arbeiten und Lösungen finden.

“Wissen Sie, was ich dachte?” fragt sie mich nach dem Termin. “Ich muß jetzt hier sitzen und den ganzen Nachmittag meine Post öffnen. Deswegen habe ich auch Locher und Heftstreifen mitgebracht.” Sie zeigt mir verschämt die beiden Werkzeuge, die sie aus der grossen Tasche rauskramt. “Brauchen Sie nicht, daß mache ich für Sie.” antwortete ich.

Um den Fall verstehen zu können, ist es unabdingbar, die Unterlagen zu sichten.

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